‘Coming Society’ © Julian Röder

Shirin Sojitrawalla

Leestijd 9 — 12 minuten

Die Überwindung des Individuums als Chance

Susanne Kennedy feiert den Posthumanismus und entwirft das Theater immer wieder neu

Für Susanne Kennedy ist das Theater ein Ritual, wobei sie selbst als Regisseurin in die Rolle einer Schamanin gerät. Das klingt geheimnisvoll und ist es auch.

Schön beobachten konnte man das bei ihrer jüngsten Premiere an der Berliner Volksbühne: „Coming Society“ nennt sich das von ihr und ihrem Mann, dem bildenden Künstler Markus Selg erdachte Spiel, zu dem die Zuschauer, nachdem sie erst im Parkett Platz genommen haben, auf die Bühne gebeten werden. Durch eine Art Himmelspforte treten sie ein, um am Leben der Akteure teilzuhaben und sich womöglich über die eigenen Spielregeln klar zu werden. Die kreischend bunte Bühne gliedert sich in mehrere Kammern, Schreine, Gemächer, unterschiedlich groß und bewohnt. Stationen im Spiel des Lebens. Dort warten menschenähnliche Wesen, Avatare, Cyborgs, die Zukunftsvision unserer Gattung, post- oder zumindest transhumane Persönlichkeiten, deren Gesichter wie aus dem Katalog ausgeschnitten lächeln und Sätze sprechen wie Roboter Sätze sprechen, voraufgezeichnete Meldungen, die wie aus der Zukunft, zumindest aber aus dem Jenseits tönen. Die Textcollage vereint Zitate von Friedrich Nietzsche, Airbnb-Experiences und anderen.

In einer der Behausungen sitzt ein altes Männchen mit langen weißen Haaren, der Statist Ingmar Thilo, den man schon in anderen Inszenierungen von Kennedy zu Gesicht bekam. Ein freundlich entspanntes Wesen im Lotussitz, mit Gottvertrauen im Gesicht. Eine Umdrehung weiter wartet ein seltsames Paar, dort liegt eine Frau auf einer Liege, da hinten thront die Performerin Kate Strong in knallroter Robe, einer der Männer sieht ein bisschen aus wie Tilda Swinton und geht umher, wobei er so freundlich wie ein Bhagwan-Jünger schaut. Kurz: Die ganze Bühnenlandschaft gleicht einem gewöhnlichen LSD-Trip. Hysterisch bunt, schreiend assoziationsreich und wie nicht von dieser Welt. Die Zuschauer wandern darin umher und fühlen sich mehr oder minder verloren auf der sachte kreiselnden Drehbühne. Manch einer nimmt rasch außerhalb des Kreises Platz, behält die Kontrolle, indem er die anderen beobachtet, andere fläzen sich genüsslich auf die ausgelegten Meditationskissen, machen es sich gemütlich, fragen nicht nach dem Sinn, sondern erfahren ihn.

Susanne Kennedy selbst sieht man am Premierenabend auch umhergehen, sehr aufrecht, sehr konzentriert lauscht sie in die Ecken ihres neuen Werks. Eine Schamanin, die Kontakt mit den Theatergeistern aufnimmt und dabei niemanden überzeugen möchte, sondern gelassen Einladungen ausspricht. In den Kritiken zu diesem Abend war die Rede von „hanebüchener Esoterik“ und von „Wohlfühl-Dystopien“. Wenige erkannten in ihr den gewagten Entwurf einer Gegenwirklichkeit. Das muss die Regisseurin nicht kratzen, auch wenn der Ton der Kritiker ihr gegenüber zuweilen unverhältnismäßig scharf wird. Eine gewisse Ablehnung, die man auch als Respekt deuten kann, begleitet ihre berufliche Karriere seit ihrem ersten großen Erfolg „Fegefeuer in Ingolstadt“, 2013 an den Münchner Kammerspielen unter der Intendanz von Johan Simons entstanden. Der schon damals alte weiße Mann holte die junge Regisseurin nach München und förderte sie, stellte ihr die große Bühne zur Verfügung und verhalf ihr somit zum Durchbruch.

‘Coming Society’ © Julian Röder

Im deutschsprachigen Raum bildet so ein Vorgehen immer noch die Ausnahme. Susanne Kennedy nutzte die Gelegenheit und schuf mit „Fegefeuer in Ingolstadt“ eine Arbeit, die sie schlagartig bekannt machte und ihr zudem ihre erste Einladung zum Berliner Theatertreffen einbrachte. Schon diese Inszenierung zeichnet all das aus, für das Susanne Kennedy zu Recht berühmt ist: das Puppenhafte ihrer Figuren, ihr Gespür für Sound, ihre kompromisslose Ausstattung. Kurz: die Eigenwilligkeit des inszenatorischen Zugriffs. Die Schrecken der Gemeinschaft, welche die Autorin Marieluise Fleißer für ihr Stück in ihr bigottes Personal eingeschrieben hat, verbildlicht Kennedy mit Figuren wie aus dem Horrorfilm, eingesperrt in einen schuhschachtelartigen Guckkasten. Ein Angstraum.

Die Schauspieler bewegen sich darin wie Marionetten, nicht einmal sprechen dürfen sie selbst, sondern bewegen nur die Münder zum Playback. Ein Coup.

In ihrer Inszenierung „Warum läuft Herr R. Amok“, ein Jahr später an den Münchner Kammerspielen herausgekommen, und ebenfalls zum Theatertreffen eingeladen, radikalisierte die Regisseurin ihr Verfahren noch. Diesmal tragen alle Spieler Latexmasken, was sie sagen, kommt wiederum vom Band. Das Spiel mit den Masken, das Trans-oder Posthumane wird zu Kennedys Markenkern. Im Jahr 2017 erhält sie den europäischen Theaterpreis für neue Realitäten. Das passt. Ihr gelinge es, „die Verbindung zwischen Theater und anderen Kunstformen zu erforschen“, hieß es in der Jurybegründung. Und: „Sie schafft es, Schauspieler*innen, Wörter und Ideen in Bewegung zu bringen und in ihren Arbeiten miteinander zu verflechten. Dabei sind die Orte ihrer Aufführungen zu gleicher Zeit Bühne und visuelle Kunst-Installationen.“ Wer ihre Arbeiten kennt, wundert es nicht, dass die Leiterin des Berliner Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, auf dem Kongress „Burning Issues“, der sich im März 2018 drängenden Fragen der Geschlechtergerechtigkeit am Theater widmete, Susanne Kennedy neben der dänischen Theaterweltenbauerin Signa Köstler und der auf Identitätsfragen spezialisierten Autorin und Regisseurin Yael Ronen als Beispiele für Frauen nannte, „die durch herausragende, eigenwillige ästhetische, formal-inhaltlich bemerkenswerte Handschriften herausstechen”.

Zum Theater kam Susanne Kennedy dabei eher zufällig, wie sie erzählt. Nach der Schule, war sie auf der Suche, nach dem, was sie werden könnte, dachte an Schauspielerin oder Buchhändlerin. „Irgendwas mit Kultur“ sollte es sein, weswegen sie sich für Theater- und Filmwissenschaften interessierte und bald am Theater landete. Geboren wurde sie 1977 in Friedrichshafen am Bodensee als Tochter einer Deutschen und eines Engländers. Sie studierte dann Regie an der Hogeschool voor de Kunsten in Amsterdam, und verdingte sich im Anschluss als Regieassistentin. Am Nationaltheater in Den Haag inszenierte sie Stücke von Henrik Ibsen, Enda Walsh, Sarah Kane und Elfriede Jelinek. Mehrmals wurde sie zum Niederländischen Theatertreffen eingeladen. Im NTGent war sie dann 2011 zu Gast mit einer Inszenierung von Rainer Werner Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.

‘Fegefeuer in Ingolstadt’ © Julian Röder

„Ich hatte schon früh ein besonderes Formbewusstsein, resümiert sie ihre Zeit als Regie-Anfängerin. Und sie verhehlt nicht, dass es in diesem Geschäft hilft, eine radikal eigene Handschrift zu entwickeln. Doch sie erzählt auch von dem Druck, den sie früher gespürt habe und der jetzt weg sei. Der Gedanke, dass sie scheitern könnte, schreckt sie nicht mehr. „Dann mache ich halt etwas anderes“, sagt sie und schaut zuversichtlich dabei aus.

Noch bemerkenswerter als ihre radikale Handschrift ist die ständige Weiterentwicklung ihres Repertoires. In ihrem Stück „Die Selbstmord-Schwestern/ The Virgin Suicides“, entstanden 2017 an den Münchner Kammerspielen, knallt sie gemeinsam mit ihrer Bühnenbildnerin Lena Newton und ihrer Kostümdesignerin Teresa Vergho eine spektakulär kunterbunte Welt auf die Bühne, die als eine Mischung aus Flügelaltar und Flipperautomat daher kommt. Ausgangspunkt für diese Arbeit ist Jeffrey Eugenides’ Roman „Die Selbstmord-Schwestern“, den Sofia Coppola 1999 verfilmte. Doch Susanne Kennedy interessiert sich weniger für die fünf Todesfälle im Hause Lisbon und ihre Beweggründe als vielmehr für das Nachleben der Schwestern und ihren möglichen Übergang in einen anderen Zustand. Dazu bedient sie sich des tibetanischen Totenbuchs, das den Sterbenden und der Inszenierung Anleitung für die letzte Reise gibt, sowie der bewusstseinserweiternden Texte von Timothy Leary.

Ihre bewährten Ausstatterinnen erschaffen dazu eine reizüberflutete Bühnenwelt. Kennedys unbedingter Formwillen lebt sich auch in dieser Inszenierung auf den Grenzen zwischen bildender Kunst, Theater, Installation und Performance aus. Heraus kommt ein Abend, der nicht zuletzt durch seine hohen Schauwerte besticht. Drei Schauspieler stecken in bodenlangen weißen Nachthemden, tragen zauberhafte Mädchenschädel auf ihren eigenen Köpfen und staunen immer wieder mit ozeanblauen Augen in den Zuschauerraum. Mädchenträume werden wahr, wie überhaupt an diesem Abend das Mädchensein in all seinen schönen und unschönen Ausformungen zur Sprache kommt, wie sonst im Theater nie. Dabei hält sich die Regisseurin nur locker fest an der Romanvorlage und denkt sie doch ganz im Sinne der dort auftrumpfenden Lisbon-Schwestern, die alle ihrem Leben ein Ende bereiten, weiter.

‘The Virgin Suicides’ © Judith Buss

Der Abend wurde in Deutschland heiß diskutiert, wobei wie meist bei Kennedy besonders die Frage nach den Schauspielern, der Art der Darstellung für Aufregung sorgt. Würden die Schauspieler, deren wahre Gesichter man erst beim Schlussapplaus sieht, hier nicht ihrem eigentlich Handwerkszeug (Mimik, Körpersprache) beraubt? Würden sie nicht von der Regisseurin zu bloßen Puppen degradiert? Die Frage nach der Arbeit der Schauspieler ist untrennbar mit den Arbeiten von Susanne Kennedy verbunden. „Theater von Individuen interessiert mich nicht“, hat sie einmal gesagt. Wie könnte es auch anders sein, bei jemanden, der sich auf der Bühne nicht für individuelle Beziehungen, sondern für den Gesamtzusammenhang interessiert. Dass ihre Darsteller Masken tragen, immerhin eines der ältesten Theatermittel überhaupt, sind einige nicht gewillt, hinzunehmen. Natürlich reagiere auch manch ein Schauspieler zuerst unwirsch, irritiert, manchmal sogar verärgert auf ihre Spielideen, wie sie erzählt: „Bei Dir darf ich ja gar nichts machen!“, heißt es dann. Doch laut Kennedy ändere sich ihre Einstellung, sobald sie merkten, wie immens die Freiheit sei, die sich in diesen geregelten Spielabläufen biete. Auch Matthias Lilienthal, Intendant der Münchner Kammerspiele, spricht von der narzisstischen Verletzung, die solch ein Umgang für manchen Schauspieler bedeuten könne. Das Besondere bei Kennedy sei aber, dass sich schlussendlich alle als produktiven Teil der Arbeit empfinden.

Trotzdem ist es wohl kein Zufall, dass Kennedy auch gern mit Tänzern und Performern zusammenarbeitet, ihrer Erfahrung nach, seien diese oft selbstständiger, weil sie es von jeher gewohnt sind, sich als Teil eines Prozesses zu sehen. Auch ihr großes Körperbewusstsein und Rhythmusgefühl komme ihren Inszenierungen zugute, erzählt sie.

Doch nicht nur ihre Akteure scheint Kennedy bisweilen zu überfordern, auch Teile des Publikums reagieren zuweilen mit Unverständnis, wenn nicht gar mit einer Verweigerungshaltung. Das mag auch daran liegen, dass Kennedys Werke in gewisser Weise den autonomen Zuschauer fordern und fördern. Das erinnert an den deutschen Regisseur Ersan Mondtag, dessen Werke in ihrer Bildmächtigkeit und Sprachlosigkeit ohnehin Ähnlichkeiten mit Kennedys Arbeiten aufweisen. In ihrer anfangs erwähnten jüngsten Arbeit „Coming Society“ etwa lautet die Parole „You are the Player“, an der Garderobe liegen Buttons mit genau diesem Slogan. Manch einer hat sich nach dem Abend gewundert, wo man denn da hätte spielen können und dürfen. Das ist nicht verwunderlich, ist der Handlungsspielraum für die Zuschauer auf den ersten Blick doch eher gering. Doch wenn man gängigen Game-Theorien folgt, die ein Spiel als den Versuch definieren, nicht notwendige Hindernisse zu überwinden und diese Hindernisse als innere Hindernisse begreift, ist man plötzlich mitten im Spiel. Es ist ein inneres Spiel, es geht um Fragen der inneren Transformation. Für Kennedy ist dieses Spiel auch ein Bild für das Leben selbst. Wer wollte bestreiten, dass das Leben auch daraus besteht, innere und äußere Hürden zu überwinden? Wem es gelingt diese Hürden als Möglichkeiten zu deuten, ist nah bei James P. Carse und seiner Theorie von unendlichen im Gegensatz zu endlichen Spielen, die Kennedy immer wieder zitiert. Und das führt sie gleich zu ihrem Hausheiligen Friedrich Nietzsche, seinen Verwandlungen des menschlichen Geistes und seiner Theorie vom Übermenschen oder besser: Idealmenschen. Der Kritiker Tobi Müller brachte die Bühnenwelten von Susanne Kennedy, der er attestiert an der Neuerfindung des Theaters mitzuwirken, jüngst schön auf den Punkt: „Es ist eine Welt, die das Werden höher wertet als das Sein.“

‘Women in Trouble’ © Julian Röder

„Was ist der Mensch?“. Diese Frage steht in Kennedys Werk im Mittelpunkt. Dabei irritiert sie immer wieder mit freigeistigen Aussagen, die in der Überwindung des Individuums eine Chance sehen. Das eigene Selbst loszuwerden als Akt der Befreiung. Der gerade in Theaterkreisen beliebten Technikfeindlichkeit kann sie nichts abgewinnen. So wäre es auch ein Missverständnis, ihre neueren Abende als dystopische zu lesen. Sie bersten vielmehr vor Vertrauen auf Welten, die da kommen mögen. Welten, in denen womöglich andere Regeln gelten als jene, nach denen wir gewohnt sind zu leben. Die Suche, von der viele ihrer Arbeiten künden, ist dabei zentral für ihr Theaterverständnis und ihre Einstellung zum Leben. Theaterabende, die wie eine gemeinschaftliche Suche funktionieren, reizen sie.

Deswegen war sie wohl auch gern dabei, als die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin mit der Spielzeit 2017/18 mit dem neuen Intendanten Chris Dercon einen Neuanfang wagte. Nach nicht einmal einem Jahr gab er dann auf. Susanne Kennedy gehörte von Beginn an zum künstlerischen Leitungsteam. Das bot sich an, changieren ihre Arbeiten doch zwischen Bildender Kunst und Theater und lösen damit schon ein, was Dercon für das ganze Haus vorschwebte: ein Transitraum zwischen den Künsten. Wobei Susanne Kennedy klar sagt: „Ich mache Theater.“ Die Nachfolge von Dercon ist immer noch nicht geregelt, Interimsintendant Klaus Dörr bleibt noch bis zum Ende der Spielzeit 2020/21. Immer wieder fällt in der Diskussion um die Nachfolge auch Kennedys Name, womöglich als Teil einer kollektiven Intendanz. Sie könne sich das schon vorstellen, sagt sie, wenn auch nicht gerade im Moment, da ihre Tochter noch klein ist.

Ende April hat sie an den Münchner Kammerspielen „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow inszeniert. Diese unverwüstlichen Schwestern, die buchstäblich in einer Art Loop gefangen sind, scheinen wie gemacht für Kennedy, die den Loop, die Wiederholung immer wieder als Stilmittel und Sinnbild für das Leben selbst nutzt. Auch hier ist an Nietzsche und seine Ewige Wiederkunft des Gleichen zu denken. Etwa in ihrer ersten Arbeit für die Volksbühne „Women in Trouble“ aus dem Jahr 2017, in der sie zweieinhalb Stunden lang ein Rondell auf die Drehbühne stellt, in dessen Kammern sich verschiedene Verlaufsstadien der krebskranken Angelina Dreem vollführen. Die Darsteller tragen Latexmasken und Perücken, der von Laien eingesprochene Text kommt als Voiceover über sie. Eine Geisterbahnfahrt. Wie oft in den Arbeiten von Susanne Kennedy stehen Frauen im Vordergrund und wie so oft spielt der Tod eine herausragende Rolle. Ihr 2015 gemeinsam mit Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot entwickelter Parcours „Orfeo“ nannte sich „eine Sterbeübung“, 2016 beschäftigte sie sich in ihrer gemeinsam mit Markus Selg ersonnenen Arbeit „Medea.Matrix” mit der berühmten Kindsmörderin.

‘Warum Läuft Herr R. Amok?’ © JU / Ostkreuz

Das Kreisförmige und Endlose, Fragen von Geburt, Tod und Wiedergeburt beschäftigen sie. Für die große Drehbühne der Volksbühne hat sie dabei ein regelrechtes Faible entwickelt. Dabei formuliert Kennedy immer wieder eine Sehnsucht nach einem Totaltheater, das weniger intellektuell als vielmehr seelisch körperlich funktioniert. Doch während sie in ihren Arbeiten für die Volksbühne konsequent die Narration in den Hintergrund drängte, den Bildern gewissermaßen den Vortritt ließ, steht jetzt mit „Drei Schwestern“, diesem Tschechow-Gassenhauer, wieder ein klassischer Dramentext am Ausgangspunkt. „Für ein zirkuläres Weltbild sind die ‘Drei Schwestern’ ein gefundenes Fressen“, findet Matthias Lilienthal, der erzählt, Susanne Kennedy habe den Stoff selbst vorgeschlagen. Was genau sie daraus machen wird, ist noch unklar. Derzeit liest sie viel, beschäftigt sich mit Fremdtexten, denkt nach. Sicher ist, dass sie auch diesmal eine sehr eigene Welt erschaffen wird..

Wer sich länger mit Susanne Kennedy unterhält, bekommt den Eindruck, hier ruhe eine Person in sich selbst. In anderem Zusammenhang sagt sie während unseres Gesprächs „Ich weiß, was ich will, das hilft.“ So weiß sie auch, dass sie momentan nicht mehr als zwei Arbeiten im Jahr machen möchte. Vier Arbeiten im Jahr seien ihr zu viel, da verzichte sie lieber aufs Häuschen in Brandenburg, wie sie selbstsicher hinzufügt. Der Tochter wegen, aber auch um ihrer selbst und ihrer Arbeit willen. „Ich habe eine große Sehnsucht nach Einsamkeit und Kontemplation“, sagt sie. Metaphysische Fragen treiben sie um und sie legt Wert darauf, sich genügend Zeit zum Reflektieren, Lesen, Schreiben und Leben zu lassen. Nur folgerichtig also, dass auch ihre Arbeiten diese schwer zu greifende, auf jeden Fall aber nicht gefallsüchtige Ruhe ausstrahlen.

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essay
Leestijd 9 — 12 minuten

#158

15.09.2019

14.12.2019

Shirin Sojitrawalla

Shirin Sojitrawalla, 1968 geboren, arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Theater und Literaturfür Theater der Zeit, nachtkritik.de, taz, Deutschlandfunk u.a. Seit 2016 gehört sie der Jury zum Berliner Theatertreffen an. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden.