‘Kaspar Hauser und Söhne’ © Birgit Hupfeld

Shirin Sojitrawalla

Leestijd 10 — 13 minuten

Der Meister des Unheimliche

Ein Porträt des deutschen Theaterstürmers Ersan Mondtag

Im deutschen Theater ist niemand mehr zu finden, der nocht nichts von diesem Enfant terrible gesehen oder jedenfalls von ihm gehört hat. Das Werk des Regisseurs und Gestalters Ersan Mondtag hält die Mitte zwischen Theater, Bildende Künste und Performance. Aus einer tiefgegründeten Faszination für Horror, bespielt er mit seinem extrem visuellen Stil meisterhaft die Ängste des Zuschauers. Montag präsentiert sich in dieser Spielzeit zum ersten Mal mit zwei Produktionen dem belgischen Publikum.

Ein Shootingstar par excellence. Während vor fünf Jahren kaum jemand seinen Namen kannte, gibt es heute im deutschsprachigen Theater niemanden, der noch nichts von ihm gesehen oder zumindest von ihm gehört hat: Ersan Mondtag. Ursprünglich hieß er Ersan Aygün, doch in einer Identitätskrise als Teenager übersetzt er seinen türkischen Nachnamen einfach Silbe für Silbe ins Deutsche. Aygün=Tag des Mondes=Mondtag. So lautet der bestechend schöne Künstlername von einem, der sich wirklich als Künstler begreift und nicht bloß als Theatermacher. Seinen Durchbruch feiert er beim Berliner Theatertreffen 2016, wohin er mit seiner am Staatstheater Kassel entstandenen Arbeit „Tyrannis“ eingeladen war. Die Produktion erhält zudem eine Einladung zum Münchner Festival „radikal jung“.

„Tyrannis“ (2015) lotet wie so viele Arbeiten Mondtags den Graubereich zwischen Theater und bildender Kunst lustvoll aus. Auf der Bühne vollführt eine Familie ihren Alltag wie Fließbandarbeit. Fünf Personen arrangieren sich um einen Esstisch, ziehen sich in ihre Zimmer zurück, räumen auf, schauen fern, machen dies und das und verlieren dabei kein einziges Wort. Es ist ein stummer Theaterabend, der seine Faszination auch dem Spiel mit der Unheimlichkeit verdankt. Auf einmal steht eine schwarze Frau vor der Tür und bringt die Familie aus ihren Routinen. Insgesamt gesehen bietet „Tyrannis“ eine zweistündige Meditation über die Angst vor dem Fremden. Mondtag hat sich nicht nur die Story ausgedacht, sondern auch die spektakulär bunte Ausstattung: kreischende Farben, schräge Frisuren und üppige Dekors. Ein psychedelischer Trip. Dazu bewegen sich die Figuren auf merkwürdige Art, verzögert, stockend, eher wie Roboter als wie Menschen. Erst beim Schlussapplaus wird auch dem letzten klar, dass die Schauspieler das ganze Stück blind gespielt haben, mit geschlossenen Lidern, ihre großen Augen entpuppen sich als aufgemalte Attrappen. Blind spielen – eine Aufgabe, die den Schauspielern einiges abverlangt, wie überhaupt Ersan Mondtag als ein Regisseur bekannt ist, der allen, die mit ihm arbeiten, einiges abverlangt. Dabei bringt er seine Schauspieler gerne aus ihren Routinen, etwa indem er sie in unförmige Fatsuits steckt, sie rückwärts laufen lässt oder sonst wie aus ihrem üblichen Schauspielkonzept befördert. Häufig wird er mit der Aussage, Schauspieler seien für ihn nur Requisiten, falsch zitiert, weil er einmal sagte, dass Schauspieler für ihn genauso wichtig seien wie Requisiten. Mit manchen Schauspielern arbeitet er immer wieder zusammen, etwa mit der ausgebildeten Tänzerin Kate Strong oder dem belgischen Schauspieler Benny Claessens. Die Annahme, er möge keine Schauspieler, mag auch damit zu tun haben, dass sie bei ihm oft nicht in ihrer Individualität glänzen. Ja, oftmals kann man die einzelnen Figuren kaum voneinander unterscheiden. Gern steckt Mondtag seine Spieler in kunstvolle Ganzkörperanzüge, mit aufgemalten Blutkreisläufen („Der alte Affe Angst“2016) oder angenähten Stoffgenitalien („Die Vernichtung“, 2016; „Das Internat“,2018).

‘Tyrannis’ © Nils Klinger

Eine Dreifachbegabung

Geboren wird Ersan Mondtag 1987 in Berlin und wächst dort in Kreuzberg auf. Nach Hospitanzen bei den Regisseuren Frank Castorf und Claus Peymann, assistiert er auch dem norwegischen Theatermacherduo Vegard Vinge und Ida Müller, das mit einer zwölfstündigen Perfomance von „John Gabriel Borkman“ (2011) an der Berliner Volksbühne für Aufsehen sorgte. Sein Studium an der Otto-Falckenberg-Schule in München beendet er nach eineinhalb Jahren und wird in der Spielzeit 2013/2014 Mitglied im Regie-Studio des Schauspiel Frankfurt, wo er wie zuvor in München mit eigenwilligen Arbeiten auf sich aufmerksam macht, die zuverlässig bei „radikal jung“ zu sehen sind. 2016 zeigt er dann zum Auftakt der Goethe-Festwoche in Frankfurt eine Adaption von Goethes „Iphigenie“, fast ohne Worte, dafür aber als blutiges Assoziationsgewitter der maßlosen Art: Die Bühne gibt sich als rot gewandeter schick düsterer Ort, ein Zwischending aus Badetempel und Altarraum. Im Vordergrund öffnet sich ein kleines Becken, hinten ein knöcheltief mit Wasser gefülltes großes. Figuren umstehen die Bühne wie Statuen, und nur mit roten Badehosen bekleidete Männer und Frauen entern das Becken. Das Wasser verkörpert mal Blut, mal den Anfang allen Lebens, ist mal Ursuppe, mal Jungbrunnen. Dabei erzählt Mondtag wie so oft keine keine geordnete Geschichte, sondern friert vielmehr Gefühlswelten in Bilder.

„Gern steckt Mondtag seine Spieler in kunstvolle Ganzkörperanzüge, mit aufgemalten Blutkreisläufen oder angenähten Stoffgenitalien.“

Immer wieder begutachten seine Inszenierungen den Menschen als kollektives Wesen. Das verbindet Mondtag mit der ähnlich erfolgreichen Regisseurin Susanne Kennedy, die wie er mit sehr eigenen, oft spektakulären Bühnenentwürfen und radikaler Schauspielführung für Aufregung sorgt. Damit ist sie im deutschsprachigen Theater derzeit die einzige Frau, die es mit den formensprengenden Arbeiten Mondtags aufnehmen kann. Kein Wunder, dass die beiden oftmals nebeneinander auf Podien sitzen, wie etwa beim Theatertreffen in Berlin, wo Kennedy im Mai ebenso nonchalant wie selbstsicher verkündet: „Theater von Individuen interessiert mich nicht.“ Ein Satz, den womöglich auch Mondtag unterschreiben würde. Daraus aber abzuleiten, Kennedy und Mondtag interessierten sich nicht für Menschen auf der Bühne, wäre ein Missverständnis. Denn all ihre Puppen, Avatare, Zombies, Cyborgs und sonstigen transhumanen Gestalten sind im Grunde Wesen, die das Menschsein vorführen. Das Menschsein in Reinkultur. Beider Arbeiten siedeln dabei im Grenzbereich zwischen Theater, bildender Kunst und Performance. Stefan Bläske, Chefdramaturg am NTGent, hält Mondtag derzeit visuell für einen der stärksten Regisseure: „Im Grunde ist er ein bildender Künstler und entwirft beeindruckende Welten, in einer seltenen Mischung aus Schönheit und Schrecken.” Das wird wohl niemand bestreiten, wobei das Aufregende auch darin besteht, dass er sich nicht gern wiederholt, sondern sich und das Theater immer aufs Neue herausfordert. Er inszeniert Uraufführungen, befasst sich mit Stückentwicklungen, adaptiert Filmstoffe und scheut keine Klassiker, in der nächsten Spielzeit inszeniert er etwa in Köln „Die Räuber“ von Schiller. Unlängst hat er ebendort die Uraufführung des neuen Stückes von Sibylle Berg „Wonderland Avenue“ (2017) besorgt. Dafür verwandelt Mondtag die Bühne im Depot 2 in ein Museum der menschlichen Intelligenz. Der Schauspieler Bruno Cathomas beherrscht in Form einer ihm aus Gesicht und Körper geschnittenen Riesenskulptur die Bühne. Wie ein gestrandeter Wal liegt er an der Rampe, darauf schlafen die beiden Hauptfiguren des Abends, der echte Bruno Cathomas und die bereits erwähnte Kate Strong. Dem etwas dürftigen Text rund um künstliche und artige Intelligenzen sowie dem Umstand, dass Science-Fiction-Geschichten auf dem Theater nie besonders gut funktionieren, begegnet Mondtag mit gewohnt heftigem Gestaltungswillen. Wie es überhaupt sein unbedingter Formwille ist, der ihn von seinesgleichen erheblich unterscheidet. Meistens fungiert Mondtag nicht nur als Regisseur, sondern auch als sein eigener, kongenialer Ausstatter. Im Jahr 2016, dem Jahr seines Durchbruchs, wählte ihn die Zeitschrift „Theater heute“ nicht nur zum Nachwuchsregisseur des Jahres, sondern auch zum Nachwuchsbühnenbildner des Jahres.

„Die Annahme, er möge keine Schauspieler, mag auch damit zu tun haben, dass sie bei ihm oft nicht in ihrer Individualität glänzen.“

Eine Doppelbegabung, wenn nicht Dreifachbegabung, weil er sich ja auch gern seine eigenen Geschichten ausdenkt. So auch im Fall von „De Living“ (The living room), seiner kommenden Arbeit fürs NTGent, mit der er sich zum ersten Mal dem Publikum in Belgien vorstellen wird. Stefan Bläske kennt Mondtag noch aus dessen Münchner Studienzeiten, und Eva-Maria Bertschy, ebenfalls Dramaturgin bei Milo Rau, hat in Bern die Dramaturgie für Mondtags „Die Vernichtung“ gemacht, weswegen eine Zusammenarbeit in Gent nahe lag. Dass Milo Rau und Mondtag von derselben Agentur vertreten werden (schaefersphilippen) tat ein Übriges dazu. Mondtag hatte Zeit und auch noch eine Idee parat, die schon in seiner Schublade wartete und zudem mit den strengen Vorgaben des Genter Manifests vereinbar ist. Erstaunlich, heißt es dort doch unter Punkt 8: „Das Gesamtvolumen des Bühnenbilds darf 20 Kubikmeter nicht überschreiten, d.h. eines Lieferwagens, der mit einem normalen Führerschein gefahren werden kann.“ Eigentlich unvorstellbar für Mondtag, dessen ausladende Bühnenvisionen nicht selten die Gewerke der Theater an den Rand des Wahnsinns bringen und darüber hinaus. Hier und da ist schon zu hören, dass man in Zukunft keinen Wert auf weitere Zusammenarbeit lege. Darauf angesprochen, reagiert er extrem relaxt, er weiß um seinen Ruf als enfant terrible der Szene und spricht gelassen von seinen für ihre Größe gefürchteten Bühnenbildern. „Es ist halt gefährlich, mir die große Bühne zu geben“, fügt er in einem Telefongespräch mit der Autorin wahlweise selbstironisch oder arrogant hinzu. Für Belgien beschränkt er sich nun also auf eine kleine Produktion, dafür gemacht, auf Tour zu gehen.

‘Wonderland Ave.’ © Birgit Hupfeld

Angsträume

Wahrscheinlich wird es wieder ein Stück ohne Sprache werden wie „Tyrannis“, verrät Mondtag im besagten Gespräch. Im Zentrum steht die letzte Stunde im Leben einer Frau. Die Bühne zeigt zwei identische Wohnzimmer, in denen zwei identische Frauen, die Zwillinge Doris Bokongo Nkumu und Nathalie Bokongo Nkumu, ihr Leben leben, einmal vorwärts, einmal rückwärts. Zwei Zeiten, die parallel laufen. Es werde zwar eine vergleichsweise kleine Produktion, die aber werde ästhetische Kraft haben, verspricht Mondtag, der auch für seine große Klappe bekannt ist. Das kommt nicht überall gut an. Wie sich überhaupt die Theatergeister an ihm scheiden. Das war schon bei seiner ersten Einladung mit „Tyrannis“ zum Theatertreffen so. Während die einen frenetisch klatschten, gähnten die anderen ausgiebig. Bis heute gilt er den einen bloß als hipper Abonnentenschreck und größenwahnsinniger Jungspund, während die anderen ihn als kühnen Bühnenvisionär und Erneuerer der Theaterkunst feiern. In Interviews präsentiert sich Mondtag gern von keinem Selbstzweifel angekränkelt. Verehrung wie Verachtung sind dem 30jährigen sicher. Inzwischen ist er freilich derart etabliert, dass ihm das egal sein kann. „Theater ist für mich auch Irritation“,sagt er beim Theatertreffen im Mai bei einer Diskussion zum Thema „Unlearning Theater“. Er meint das in Bezug aufs Publikum. Man kann den Satz aber auch ins Generelle wenden, Kritiker und Theater mitdenken. Das Großspurige und auch ein bisschen Großmäulige gehört zu Mondtags Aura wie das unverkrampft Offene. Er ist einer, der oft aneckt, da bleibt er sich treu. Dabei zeichnet ihn ein Selbstbewusstsein aus, das staunen macht. Kompromisse im Kunstbetrieb hält er schlicht für kunstfeindlich. „Ich habe keine Lust, Leute zu überzeugen, etwas zu tun.“

„Dass Science-Fiction-Geschichten auf dem Theater nie besonders gut funktionieren, begegnet Mondtag mit gewohnt heftigem Gestaltungswillen.“

Inzwischen arbeitet Mondtag regelmäßig für die angesehensten Häuser Deutschlands wie die Münchner Kammerspiele, das Thalia Theater in Hamburg, das Berliner Ensemble und das Maxim Gorki Theater.

‘Die Vernichtung’ © Birgit Hupfeld

Seine Bühnenwelten spiegeln und spielen dabei oftmals mit Ängsten unserer Gegenwart. Am Theater Dortmund inszenierte Mondtag zu Anfang des Jahres mit „Das Internat“ einen düsteren Abend, der die Zuschauer mit Rabengekrächze und Dunkelgeräuschen empfängt. Ein mustergültiges Spukschloss beherrscht die Drehbühne. Ein Totenhaus. Es gibt einen Schlafsaal, der eher an ein Lager erinnert, er beherbergt schmale Pritschen, auf denen die Menschen kauern wie Föten im Mutterbauch. Im Speisesaal formieren sich die Figuren immer mal wieder ordentlich, während der Waschraum sich als giftig gelbe Nasszelle erweist, die an real existierende Internatsduschräume erinnert, aber auch Assoziationen an Vernichtungslager weckt. „Das Internat“ beherbergt unterschiedliche Angsträume, die Bühne gleicht einem wahr gewordenen Alptraum. Die Bewohner sind überwiegend Standardisierte. Ihre Uniformen erinnern an vieles und an wenig Konkretes. Gleich Geschaltete im Gleichschritt. Es handelt sich wohl um Schüler, es könnten aber ebenso gut Insassen oder Gefangene sein. Auch wenn das Ganze sich unter dem auf den ersten Blick eindeutigen Titel „Das Internat“ abspielt, kann man sich nicht sicher sein, wo man sich befindet. Sicher hingegen ist, dass sich Mondtag hier einmal mehr als Meister des Unheimlichen erweist. Wie schon in „Tyrannis“ verbindet er Märchen- und Horrormotive mit vielfältigen Assoziationsmöglichkeiten zu einer Feier des Abgründigen. Dass Mondtag eine grundsätzliche Faszination für den Horrorfilm hegt, erweist sich als ausgesprochener Glücksfall für das Theater.

„Das Großspurige und auch ein bisschen Großmäulige gehört zu Mondtags Aura wie das unverkrampft Offene.“

Es gibt nicht viele Theaterregisseure, die derart gekonnt mit den Ängsten des Publikums spielen. Was ihn, das kann man nicht oft genug betonen, von vielen Regisseuren seiner Generation unterscheidet, ist sein bedingungsloser Formwille. Bei Mondtag bricht sich ein regelrechter, besser regelwidriger Ausstattungsfuror Bahn, der schon mal ästhetische Parallelen zu den Arbeiten  von Vegard Vinge und Ida Müller zeitigt. An die Ästhetik der beiden fühlte man sich auch in der Produktion „Kaspar Hauser und Söhne“ (2018) am Theater Basel erinnert. Wiederum eine Zusammenarbeit mit der Dramatikerin Olga Bach, die auch den Text für Mondtags zweiten zum Theatertreffen eingeladenen Abend „Die Vernichtung“ (2016) geschrieben hat. In der Baseler Inszenierung steckt er seine Kreaturen in unförmige Fatsuits und arrangiert sie zu einem grotesken Ballett der Gewalttätigkeit. Als die Keimzelle allen Übels erscheint die Familie, von 1940 bis in die Gegenwart beäugt der Abend das Leben des Findelkindes, das bei Olga Bach zum Gründer eines mittelständischen Betriebs wird. Die Figuren sprechen eine Kunstsprache und benehmen sich auch sonst sonderbar. Es gibt keine erzählenswerte Handlung, sondern Schlaglichter, die von Wendepunkten im 20. Jahrhundert und im Familienleben der Hausers künden. Das Uneindeutige, Unausdeutbare, Vage gehört zu Mondtags Werk wie die Forderung an die Zuschauer, sich ihre eigene Geschichten zu imaginieren.

‘Das Internat’ © Birgit Hupfeld

Selbstoptimierung

„Theater ist Erfahrung, keine Mitteilungsform“, hat Heiner Goebbels einmal festgestellt. Das gilt für Mondtags Inszenierungen in besonderer Weise, erzählen sie doch oftmals mehr über die eigenwillig choreografierten Körper der Darsteller und die eindeutig eingesetzte Musik als über Worte. Form schlägt also Inhalt? Mitnichten. Form=Inhalt. Das war auch in der bereits erwähnten Inszenierung „Die Vernichtung“ so. Olga Bachs Text umkreist zwar das Lebensgefühl großstädtisch Scheiternder, doch ihr Text strandet immer wieder in Andeutungen, verliert sich im Diffusen, lädt zu Assoziationen ein wie auch die Cinemascope-Bühne von Mondtag, der eine hoch ambivalente Landschaft entwirft, die Paradiesgarten und Höllenschlund auf einmal ist.

Denn so toll die Texte von Olga Bach, ganz zu schwiegen von den Klassikern, die Mondtag inszeniert, auch sein mögen, immer sind es die rätselhaft tolldreisten Bilder, die zuvörderst im Kopf der Zuschauer bleiben. Dabei sind Mondtags Anleihen bei der bildenden Kunst unübersehbar, lustvoll zitiert er quer durch Hoch- und Populärkultur. Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) gab ihm im vergangenen Jahr die Gelegenheit, eine eigene Ausstellung mit Werken der Sammlung zu bespielen. Eine besondere Ehre. Durch die mit signalgelbem Plastik ausgeschlagenen Räume schlängelt Mondtag für seine Schau mit dem Titel „I am a Problem“ ein röhrenartiges Etwas, das für den Bandwurm liegen sollte, den die Operndiva Maria Callas sich angeblich mit einem Glas Champagner einverleibte, um überflüssige Kilos loszuwerden. Erschaffen hat den begehbaren Wurm die Künstlergruppe Plastique Fantastique. Die Legende um Maria Callas verweist dabei auf das zentrale Thema der Schau: Selbstoptimierung. Die Werke lassen sich dann als das ansehen, was sich die Callas im Laufe ihres Lebens an Bildern und Vorstellungen einverleibte: Ein an- und aufregender Parcours zu Frauen- und Menschenbildern aller Art. Dem Körper im Raum und seinen Verpuppungen kommt dabei eine ganz besondere Rolle zu. Genau wie in den Inszenierungen von Ersan Mondtag.

In der Zukunft einmal den deutschen Pavillon bei der Biennale di Venezia zu bestücken, wie der eine oder andere ihm schon weissagt, das würde er schon gern machen wollen. Auch mit anderen Ausstellungsmachern ist er im Gespräch. Er sagt aber auch: „Ich brauche die Darstellungskunst“. Auf einen Intendantenposten, für den er sich in der Vergangenheit, konkret für die Berliner Schaubühne,  selbst ins Gespräch gebracht hat, ist er indes zurzeit nicht mehr scharf, auch weil er als freier Regisseur so gut zu tun habe, wie er sagt. Obendrein sei ihm Berlin gerade zu kunstfeindlich und zu aggressiv, sagt er und spielt dabei auf das ganze Gezerre und Theater rund um Chris Dercon und die Volksbühne an. Dass er ihm gemeinsam mit Benny Claessens nachfolgen wird, wie letzterer kürzlich vorgeschlagen hat, scheint also wenig wahrscheinlich. Sicher indes ist, dass Ersan Mondtag auch künftig mit inszenatorischen Großtaten von sich reden machen wird.

essay
Leestijd 10 — 13 minuten

#154

15.09.2018

14.12.2018

Shirin Sojitrawalla

Shirin Sojitrawalla, 1968 geboren, arbeitet als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Theater und Literaturfür Theater der Zeit, nachtkritik.de, taz, Deutschlandfunk u.a. Seit 2016 gehört sie der Jury zum Berliner Theatertreffen an. Sie lebt und arbeitet in Wiesbaden.

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